Von der Dunkelflaute bis zu Hitzewellen: Die neue Realität auf den europäischen Energiemärkten

Deanna Greenhalgh, unsere Senior Commercial Managerin im Bereich BESS, untersucht, wie die Hitzewellen dieses Sommers, die Rekordwerte bei der Solarstromerzeugung und die zunehmende Volatilität der Intraday-Preise das europäische Stromsystem neu gestalten.
Braunes Gras im Vordergrund, dahinter Bäume und die Stadt

Die europäischen Energiemärkte sind um eine zentrale Frage herum entstanden: Schaffen wir es durch den Winter?

Das spiegelt sich auch in unserer Fachsprache wider. Die „Dunkelflaute“ – jene lang anhaltenden Phasen mit kaltem, dunklem und windstillen Wetter, in denen der Strombedarf hoch und die Erzeugung aus erneuerbaren Energien gering ist – ist zum Maßstab für Stresstests von Stromnetzen in ganz Europa geworden.

Generationsplanung, Netzinvestitionen, Kapazitätsmärkte und Systemresilienz wurden allesamt mit Blick auf den Winter konzipiert. Doch dieser Sommer hat eines immer deutlicher gemacht: Die nächste große Herausforderung für das europäische Energiesystem besteht nicht darin, den Winter zu ersetzen, sondern den Sommer hinzuzufügen. Wir treten in eine Ära der Energiemärkte mit doppelten Spitzenlasten ein, in der beide Jahreszeiten einen außerordentlichen Druck auf die Stromnetze ausüben können.

In ganz Europa gab es in diesem Sommer längere Phasen mit außergewöhnlich hohen Temperaturen.

Im Vereinigten Königreich gab es wiederholt Hitzewellen, Rekordwerte bei der Solarstromerzeugung, Warnmeldungen zur Stromversorgungssicherheit sowie eine intensive Überprüfung der Steuerung des Stromnetzes während extremer Wetterlagen. Ofgem hat nun eine formelle Untersuchung des Netzbetriebs während der Hitzewelle im Juni eingeleitet, was deutlich macht, wie ernst diese Ereignisse genommen werden.

Dies ist nicht einfach nur eine weitere Wettermeldung. Es ist ein Beleg dafür, dass der Klimawandel zu einem der entscheidenden Faktoren wird, die die modernen Energiemärkte prägen.

Die Annahme, dass der Sommer die einfachere Jahreszeit für die Energieversorgung ist, rückt zunehmend in den Hintergrund. Die Herausforderungen im Winter sind bekannt: hoher Bedarf, geringere Erträge aus erneuerbaren Energien, Heizlast und Versorgungssicherheit bei Brennstoffen. Hitzewellen schaffen ein völlig anderes Betriebsumfeld:

  • Der Strombedarf steigt, da Kühlung nicht mehr nur eine Option, sondern unverzichtbar ist
  • Mit steigender Kühlwassertemperatur sinkt der Wirkungsgrad von Kraftwerken
  • Getriebe arbeiten bei extremer Hitze weniger effizient.
  • Die Wasserkraftressourcen werden knapp
  • Die Windenergieerzeugung lässt in Phasen anhaltenden Hochdrucks häufig nach.
  • Miteinander verbundene Länder erleben gleichzeitig dasselbe Wetter, wodurch sich die Möglichkeit, auf Importe zurückzugreifen, verringert.

Viele der herkömmlichen Sicherheitsventile versagen genau dann, wenn sie am dringendsten benötigt werden. In diesem Sommer kam es in Großbritannien bei extremen Temperaturen zeitweise zu knappen Betriebsreserven, was Notfallmaßnahmen zum Ausgleich der Last erforderlich machte, obwohl die Versorgung der Kunden aufrechterhalten wurde.

Vor einem Jahrzehnt wäre das als Sommerszenario noch fast undenkbar gewesen. Die Folge ist, dass der Klimawandel die Stromwirtschaft grundlegend verändert. Der entscheidende Punkt ist nicht nur, dass die Sommer immer heißer werden. Der Klimawandel führt nicht nur zu extremeren Wetterbedingungen, sondern verändert auch die Funktionsweise der Strommärkte.

Es ändert sich:

  • wenn Strom verbraucht wird
  • wenn die Erzeugung verfügbar ist
  • wie sich Vermögenswerte entwickeln
  • wie Netzwerke betrieben werden
  • wie sich die Großhandelspreise im Laufe des Tages entwickeln
  • wo Flexibilität und Belastbarkeit von großem Wert sind.

Eine der größten Veränderungen vollzieht sich innerhalb des Handelstages selbst.

Da die Solarstromerzeugung gegen Mittag Rekordwerte erreicht, können die Stromgroßhandelspreise stark sinken und auf einigen europäischen Märkten zunehmend sogar in den negativen Bereich rutschen. Doch wenn die Sonne untergeht und Unternehmen weiterhin Klimaanlagen, Beleuchtung und industrielle Prozesse betreiben, bleibt die Nachfrage hoch, während die Solarstromerzeugung rapide zurückgeht.

Das Ergebnis ist eine deutlich steilere Abendkurve, engere Systemmargen und erheblich höhere Preise innerhalb nur weniger Stunden. Mit anderen Worten: Die Volatilität ist nicht mehr nur saisonbedingt. Sie entwickelt sich zu einer intraday-Volatilität. Bei AMPYR Distributed Energy beobachten wir einen tiefgreifenden Wandel. Die Energiemärkte werden strukturell dynamischer und sind nicht mehr saisonal vorhersehbar.

Jahrzehntelang machten sich Unternehmen vor allem Sorgen wegen Preisspitzen im Winter. Zunehmend können Preisschwankungen jedoch zu jeder Jahreszeit und zu jeder Tageszeit auftreten.

Einer der faszinierenden Widersprüche besteht darin, dass dasselbe Wetter, das die Stromnetze belastet, gleichzeitig für Rekordwerte bei der Solarstromerzeugung sorgt. Hitzewellen stellen also zugleich eine Herausforderung dar und sind Teil der Lösung.

Das Ausmaß dieser Veränderung zeichnet sich bereits ab.

Nach Angaben von Solar Energy UK stammten im Juli 14,4 % der gesamten Stromerzeugung in Großbritannien aus Solarenergie – der höchste jemals verzeichnete Monatsanteil. Damit wurde der erst im Mai aufgestellte bisherige Rekord von 12,4 % übertroffen und der im Juli 2025 verzeichnete Wert von 9,6 % deutlich übertroffen.

Insgesamt wurden in diesem Monat 3,2 TWh Strom aus Solarenergie erzeugt.

Ebenso beeindruckend waren die Tageswerte. Am 12. Juli machte die Solarenergie 18,8 % der britischen Stromerzeugung über den gesamten Tag hinweg aus und lieferte in der Spitze zwischen 10:30 Uhr und Mittag 44 % der Erzeugung, wobei eine maximale Leistung von 15.427 MW erreicht wurde.

Die Solarenergie spielt im britischen Stromsystem längst keine untergeordnete Rolle mehr. Sie entwickelt sich zu einer maßgeblichen Kraft, die Einfluss darauf nimmt, wann Strom im Überfluss vorhanden ist, wie sich die Großhandelspreise entwickeln und wo Flexibilität am wertvollsten ist.

Die Frage ist nicht mehr, ob Solarenergie in Nordeuropa funktioniert. Die Frage ist vielmehr, wie wir sie besser nutzen können.

Ein Großteil dieser Erzeugung fällt in ein enges Zeitfenster zur Mittagszeit, in dem die Großhandelspreise stark sinken können. Die Nachfrage hält jedoch zunehmend bis in den Abend hinein an, wenn der Kühlbedarf zwar hoch bleibt, die Solarstromerzeugung jedoch rapide zurückgeht.

Die Erfassung der reichlich vorhandenen Stromerzeugung tagsüber und deren Umleitung in Zeiten mit höherem Bedarf entwickelt sich daher zu einer der entscheidenden Chancen der Energiewende.

Für Unternehmen mit eigener Stromerzeugung bedeutet jede erzeugte Kilowattstunde, dass diese nicht auf einem zunehmend volatilen Großhandelsmarkt eingekauft werden muss.

Zunehmend liegt die Chance jedoch in der Kombination von Solarenergie und Batteriespeichern.

Batterien ermöglichen es Unternehmen, überschüssigen Strom, der tagsüber zu niedrigen Preisen erzeugt wird, zu speichern und ihn während der Abendspitzenzeit zu nutzen, wenn Strom oft am teuersten ist und das Netz am stärksten belastet wird. Da sich die Preisunterschiede innerhalb eines Tages vergrößern, ist die Speicherung mehr als nur ein Instrument zur Sicherung der Versorgungssicherheit; sie wird zu einem zunehmend wertvollen wirtschaftlichen Vermögenswert, der Unternehmen dabei hilft, ihre Energiekosten zu optimieren und gleichzeitig dem gesamten Stromnetz mehr Flexibilität zu verleihen.

Aus diesem Grund entwickeln sich Batterien von einer optionalen Ergänzung zu einem zentralen Bestandteil der Strategie für dezentrale Energieversorgung.

Wir beobachten bereits, wie sich das europäische Stromnetz anpasst. Die Netze entwickeln sich weiter, der Ausbau der Batteriekapazitäten schreitet zügig voran, die Flexibilitätsmärkte werden weiter reifen und die digitale Optimierung wird sich verbessern. Auch die Unternehmen müssen sich anpassen.

Die Energiestrategien, die sich im nächsten Jahrzehnt bewähren werden, sind nicht diejenigen, die für den Markt konzipiert wurden, den wir seit 20 Jahren kennen. Sie werden auf ein System ausgerichtet sein, in dem Schwankungen häufiger auftreten, Flexibilität an Bedeutung gewinnt und Widerstandsfähigkeit zunehmend zu einem Wettbewerbsvorteil wird.

Die Frage ist nicht mehr, ob sich die europäischen Energiemärkte im Wandel befinden. Es geht vielmehr darum, ob die Unternehmen auf den Markt vorbereitet sind, in den sie eintreten – und nicht auf den, den sie hinter sich lassen.